„Wir müssen gut mit uns umgehen!“

Die Theater&Tanz-AG erhielt am 16. Juni einen Einblick in das Leben einer freischaffenden Künstlerin.

Sorina Kiefer, Schauspielerin, Tänzerin, Sängerin und Choreografin aus München, besuchte online die Theater-AG und erzählte uns von ihrem Leben und ihrer Arbeit. Sie arbeitet viel in München und Stuttgart, tourte aber auch schon international. „Der kleine Horrorladen“ war eine von vielen Musicalproduktionen, in denen sie spielte. Ein weiteres Highlight an das sie sich gern erinnert ist eine Produktion der West Side Story bei den Salzburger Festspielen.

Sorina wuchs in Stuttgart auf und wusste früh, dass sie tanzen wollte. Schon als 3-jährige war sie vom Ballett fasziniert und setzte ihren großen Wunsch, zum Ballett zu gehen, zu Hause durch. Mit 6 Jahren begann sie mit Ballettunterricht. Ab dem 10. Lebensjahr trainierte sie sechs Mal die Woche und hatte erste Auftritte. Mit 16 tanzte sie in der Company der NYCD School und wurde trainiert und inspiriert von verschiedenen Choreograf*innen, u.a. von Sean Cheesman, der schon für Michael und Janet Jackson gearbeitet hatte.

Sie wurde auch für Schauspiel- und Gesangsparts eingesetzt und entdeckte ihr vielseitiges Talent. Dadurch geriet Sorina in einen Konflikt. War Tanz etwa doch nicht ihr Weg? Musical schien ihr zu oberflächlich. Sie landete schließlich an einer staatlich anerkannten Schauspielschule in München. Im Nachhinein, meint Sorina, hätte sie gern gewusst, wie groß die Vorteile einer staatlichen Ausbildung  sind. Studierende an staatlichen Schulen sind von Anfang an viel vernetzter, die Ausbildung geht in die Tiefe und es stehen einem viel mehr Türen offen.

Sorina ist davon überzeugt, dass es die eine Schauspielmethode nicht gibt. „Für jeden Menschen funktioniert etwas anderes. Authentisches Spiel passiert aus dir heraus. Da kann ein Schauspiellehrer noch so viel helfen und Tipps geben. Letztendlich spielst du es.“ Nach diesem Credo arbeitet sie auch, wenn sie andere coacht. Sie will niemandem etwas aufstülpen, sondern dabei helfen, auf den eigenen Instinkt zu hören. Dazu ermuntert sie auch unsere Teilnehmenden der Theater-AG.

Sorina selbst ist immer dabei sich weiterzubilden und Neues zu entdecken. Aktuell nimmt sie z.B. an einem Workshop „Acting in English“ teil. Denn um gute Rollen zu bekommen, muss man beim Casting auf den Punkt, vielseitig und professionell sein. Den grauen Hintergrund, den wir während der Videokonferenz mit ihr sehen, wird sie anschließend für das nächste E-Casting nutzen. Sie empfindet die Unsicherheit im Beruf auch als etwas Schönes und Herausforderndes. Man kann wenig im Voraus planen, dadurch ist auch immer viel Raum für Neues.  „Wo kann ich mich noch bewerben? Was kann ich noch lernen? Wo laufen spannende neue Projekte?“ Überhaupt ist von der viel zitierten Unsicherheit im künstlerischen Bereich, gerade seit Corona, wenig zu spüren. Sorina sprüht vor ansteckender Lebensfreude und Lust an ihrem Beruf.

Wir fragen, wie sie mit dem Thema Scheitern umgeht. Wenn sie mal wieder eine Absage bekommt, weil eine andere Person besser auf die Rolle passte und sie damit leben muss, dass es für sie nicht gereicht hat. Ihre Antwort: „ Alle Gefühle sind wichtig. Alle Gefühle gehören dazu. Wir leben lieber die Freude, aber gerade als Künstler*in ist es wichtig, jedes Gefühl anzunehmen.“ Man könne die sogenannten negativen Gefühle auch gut für Rollen einsetzen. Sie treiben an und bewirken, dass man weiterarbeite. Es sei okay traurig zu sein. Das solle man nicht wegdrücken, sondern lieber fühlen und ausleben. Sorina hat verschiedene Ideen, dieses Gefühl auszuleben: Vielleicht bleibt man einen Tag im Bett, haut in ein Kissen, schreibt es auf …. Alles dürfe sein. Aber dann ginge es auch weiter. Dann warte die nächste Erfahrung. Die Schauspielerin vergleicht Gefühle mit Farben beim Malen. Ein Maler würde ja auch nicht plötzlich eine Farbe weglassen und nur noch ohne blau arbeiten. So gehören eben alle Gefühle in unser Leben. Glücklich und traurig. Hoch und Tief.

Es läuft eben nicht immer alles rosig. Nach schwierigen Bühnenerlebnissen gefragt, berichtet sie, dass sie sich auch schon hinter der Bühne übergeben hat und im nächsten Moment strahlend und singend auftreten musste. Sie stand auch schon mit Fieber oder angebrochener Rippe auf der Bühne. Manchmal gäbe es eben keine andere Lösung, keine Doppelbesetzung und „the show must go on“. Dass das auch gefährlich werden kann, ist ihr bewusst. Sie weiß von Kolleg*innen, für die das mit einer Herzmuskelentzündung endete. Wie sie mit dem Thema Krankheit bei Auftritt umgeht, tariert sie immer neu aus. Selbstverständlich muss „der Lappen hochgehen“. Aber Gesundheit sollte auch große Bedeutung haben, denn der Körper ist das Werkzeug von Schauspieler*innen.

Sich selbst, seinen Körper und seine Gefühle gut zu kennen, ist für Sorina wichtiger Bestandteil des Berufs. Sie fordert, dass man gut auf sich selbst und auf die anderen achtet. Empathie erleichtere die Arbeit im Ensemble. Wenn alle Verständnis füreinander haben, ist auch die Stimmung und das Ergebnis der Arbeit besser, findet sie. Mit Druck könne man viel erreichen. Aber mit Vertrauen und Liebe wird es viel schöner. Davon ist Sorina Kiefer überzeugt.

Sorina Kiefer ist am 11.07. um 11:00 Uhr bei einer Jazz Matinée in der Kirche Heilige Familie in Stuttgart zu sehen. In der kommenden Spielzeit sieht man sie in Stuttgart in der Komödie am Marquardt in „Willkommen bei den Hartmanns“ und am Theater der Altstadt im Musical „Hexen“.