Hochspannung und Jubel im Physiksaal

Seán Sdahl nimmt am Finale der Internationalen Physikolympiade teil.

Jochen Hub, ehemaliger PGHler, der 1997 am Finale der Physikolympiade teilnahm.

Es ist der 8. Juni 2021 im Physiksaal des Paracelsus-Gymnasium-Hohenheims (PGH). Die Spannung ist mit Händen greifbar. Ein Elfmeterkrimi bei einer Europameisterschaft könnte kaum aufregender sein. Doch heute geht es weder um Elektrizitätslehre noch um Fußball. Ein Mitschüler steht in der Finalrunde der Physik-Olympiade in Deutschland und kämpft um einen der fünf Plätze im Nationalteam. Doch der Reihe nach.
Seán Sdahl besucht die zwölfte Klasse am PGH. Er ist ein sehr guter Schüler, aber seine besondere Stärke liegt in den Naturwissenschaften. So beteiligt er sich gleich an mehreren außerschulischen Wettbewerben, darunter an der ersten Auswahlrunde zur internationalen Physikolympiade. Diese besteht aus anspruchsvollen Aufgaben, die zu Hause bearbeitet und von einer Physiklehrkraft der eigenen Schule korrigiert werden. Mehr als 940 Schülerinnen und Schüler in ganz Deutschland nehmen dieses Jahr daran teil. Diese Hürde meistert Seán ohne Probleme und zieht in die zweite Runde ein: eine zentrale Klausur, die an der Schule geschrieben wird. Seán belegt deutschlandweit den 10. Platz und es wird deutlich, dass diese Runde noch lange nicht die Endstation ist. In früheren Jahren fanden die Auswahlklausuren ab der dritten Runde an einer Forschungseinrichtung in Deutschland statt. In diesem Jahr mussten sie pandemiebedingt jedoch in Online-Veranstaltungen umgewandelt werden. Unbeeindruckt davon kann Seán sich steigern und qualifiziert sich mit dem 8. Platz für die Runde der letzten 15. Mit guter Vorbereitung und etwas Glück scheint nun in der finalen nationalen Runde alles möglich.
In den vier jeweils dreistündigen Klausuren der Finalrunde werden die grauen Zellen der physikbegeisterten Jugendlichen mit theoretischen und experimentellen Aufgaben noch einmal richtig gefordert. Inhaltlich geht es dabei um so unterschiedliche Themen wie Hubschrauberflüge auf dem Mars, Neutrinooszillationen oder Moleküle in elektrischen Feldern. Für die experimentellen Klausuren bekamen die Teilnehmenden vorab versiegelte Päckchen mit Materialien für Experimente zur Lichtbeugung an einem schrägen Gitter und zur Wirbelstrombremsung eines rollenden Magneten zugesandt, die sie erst zu Beginn der Klausur öffnen dürfen. Über die Klausuren hinaus ist mit einem Abendvortrag zur Lebensfreundlichkeit von Exoplaneten, fachlichen Seminaren und zwei Spieleabenden für reichlich Abwechslung gesorgt.
Bei der abschließenden Preisverleihung wird es dann noch einmal spannend. Der ganze Kurs des Physik-Leistungsfachs am PGH hat sich im Physiksaal versammelt und ist online mit dabei. Nach einem Festvortrag zum Thema Quasikristalle werden die Teilnehmenden beginnend bei Platz 15 für ihre Leistungen geehrt und die fünf Mitglieder des Nationalteams benannt. Als auch bei Verkündung des 6. Platzes Seáns Name noch nicht gefallen ist, bricht Jubel bei Seán, seinen Mitschülerinnen und Mitschülern sowie dem Physiklehrer Herrn Keßler aus und alle freuen sich mit Seán über einen sensationellen 5. Platz und den Sprung ins Nationalteam.

Seán ist übrigens nicht der erst PGHler, dem dieses Kunststück gelingt. 1997 war Jochen Hub bei der internationalen Physikolympiade dabei, damals in Sudbury (Kanada). Heute ist er Professor an der Universität des Saarlandes und seine Arbeitsgruppe forscht auf dem Gebiet der theoretischen und computergestützten Biophysik. Hub gewann damals eine Silbermedaille, welche die besten 25 % Prozent der Teilnehmenden bekommen.
Die Silbermedaille ist auch Seáns erklärtes Ziel für die internationale Runde. Leider kann diese nicht wie geplant in Vilnius (Litauen) stattfinden, sondern wird vom 17. bis 25. Juli 2021 erstmals in ihrer über 50-jährigen Geschichte als Onlineveranstaltung durchgeführt. Das deutsche Team versammelt sich jedoch zumindest am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel, das auch die Auswahlwettbewerbe durchführte.

Mit dem mündlichen Abitur unmittelbar vor seiner Abreise nach Kiel endet Seáns Schulzeit am PGH. Er verlässt die Schule mit dem Ziel München, um dort Informatik und natürlich Physik zu studieren. Dafür und für die internationale Endrunde wünschen wir Seán viel Erfolg. Vielleicht können wir noch einmal jubeln.